Hans-Georg Kemper: Deutsche Lyrik der frühen Neuzeit. Band 6/1 Empfindsamkeit (Reprint. Reprint 2010. 1997. XIII, 568 S. 17 Illustrations. 230 mm)

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Um 1740 gelangen die in der Frühaufklärung noch getrennten Epochenkräfte von Pietismus und Rationalismus (vgl. Bd. 5/I u. 5/II) in enge Berührung, und dies zuerst und dominant in der bislang zu wenig beachteten Lyrik. Als Medium des Gefühls verschwistert sich diese mit den beiden religiösen Avantgardeströmungen der Zeit und wird dadurch zu einem Organ der Empfindsamkeit: Die Poesie des Pietismus entwickelt als erste empfindsame Tendenzen (Teil I). Die meisten Dichter der Empfindsamkeit - überwiegend studierte Theologen - neigen sich jedoch der 'Neologie' zu. Diese sucht, von englischen Vorbildern ausgehend, pietistisches 'Herz' und Leibniz-/Wolffschen 'Kopf' ins Gleichgewicht zu bringen und erweist sich damit als Theologie der Empfindsamkeit, in deren Reformprogramm die Poesie (von der Hymne bis zum biblischen Epos) einen hohen Stellenwert besitzt (Teil II). Die Lyrik übernimmt bis hin zu Klopstocks rituellem Gedicht in Inhalt und Form religiöse Funktionen. Dabei dient sie der Religion und emanzipiert sich doch zugleich von ihr: Einerseits wird sie in der Nachempfindung biblischer Poesie zum Sprachrohr göttlicher Offenbarung und zum Organ neologischer Frömmigkeit und Moral, andererseits und zugleich zum "Ausdruck wahrer Empfindung" und gewinnt somit - auch in der Sakralisierung ihres Selbstverständnisses und Weltbezuges - an Autonomie und modernem Gattungsprofil hinzu.

§15§Um 1740 gelangen die in der Frühaufklärung noch getrennten Epochenkräfte von Pietismus und Rationalismus (vgl. Bd. 5/I u. 5/II) in enge Berührung, und dies zuerst und dominant in der bislang zu wenig beachteten Lyrik. Als Medium des Gefühls verschwistert sich diese mit den beiden religiösen Avantgardeströmungen der Zeit und wird dadurch zu einem Organ der Empfindsamkeit: Die Poesie des Pietismus entwickelt als erste empfindsame Tendenzen (Teil I). Die meisten Dichter der Empfindsamkeit - überwiegend studierte Theologen - neigen sich jedoch der 'Neologie' zu. Diese sucht, von englischen Vorbildern ausgehend, pietistisches 'Herz' und Leibniz-/Wolffschen 'Kopf' ins Gleichgewicht zu bringen und erweist sich damit als Theologie der Empfindsamkeit, in deren Reformprogramm die Poesie (von der Hymne bis zum biblischen Epos) einen hohen Stellenwert besitzt (Teil II). Die Lyrik übernimmt bis hin zu Klopstocks rituellem Gedicht in Inhalt und Form religiöse Funktionen. Dabei dient sie der Rel §15§igion und emanzipiert sich doch zugleich von ihr: Einerseits wird sie in der Nachempfindung biblischer Poesie zum Sprachrohr göttlicher Offenbarung und zum Organ neologischer Frömmigkeit und Moral, andererseits und zugleich zum "Ausdruck wahrer Empfindung" und gewinnt somit - auch in der Sakralisierung ihres Selbstverständnisses und Weltbezuges - an Autonomie und modernem Gattungsprofil hinzu.

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